Blog der Generationen. Aus der Sicht einer 86er.
Autorin: Kirstin Kassen

80s and so on

Hier gehts ums Schreiben. Darum gibts hier keine Bilder – nur Texte. Ich schreibe über das, was uns alle angeht. Gedanken über Konflikte und Versöhnung und Generationsfragen. Kann auch bissl was politisch werden, lest trotzdem mal rein. Wer lieber guckt, anstatt zu lesen, klickt den penetranten blauen Pfeil – da gibts Design.


26.8.2021

Vom Überleben
Warum wir endlich anfangen sollten, uns als Erdlinge zu verstehen


Gestern hatte ich ein Gespräch mit meiner Nachbarin. Eine 80-jährige Dame, aufgeweckt und lebenserfahren. »Nun haben wir ja wirklich alles da,« sagt sie besorgt zu mir, »Wasser, Feuer, Erdbeben, Krieg, Krankheit. Nichts ist ausgelassen worden.«

Und sie hat recht. Flut, Starkregen, Brände – es scheint, als wolle der Planet uns fertig machen. Aber weil die Natur nicht bösartig genug ist, uns Menschen zu vernichten, erledigen wir den Rest einfach selbst. Ein kleiner Krieg hier, etwas verlorene Menschlichkeit da, wie wärs mal wieder mit einem Virus ... Wir werden uns schon selbst ausrotten, denke ich ad hoc, sage es aber nicht laut.

Ich will nicht, dass es wie ein Vorwurf gegen eine ältere Generation wirkt (Stichwort Klimagerechtigkeit), ich will nicht, dass ich misanthropisch daher komme mit meinen fünfunddreißig – recht umstandslos gelebten – Jahren, ich will nicht mutlos und abgeschlagen reagieren, sondern etwas Ermutigendes, Konstruktives beitragen. Ich muss wohl zu lange überlegen. Denn diese starke Frau, die schon viele der Katastrophen hautnah erlebt hat, von denen wir diesmal in unserem kleinen Dorf nicht direkt betroffen sind – die aktuell lediglich aus den Medien auf uns herab prasseln – nimmt mir meinen Kommentar ab: »Aber wir sind ja auch selbst Schuld.«

Und das sind wir wohl. Solange wir uns zu bequem sind, die Herkunft unserer Produkte kritisch zu hinterfragen, solange die Landwirtschaft es uns nicht wert ist, für Qualität und Nachhaltigkeit bezahlt zu werden, solange wir lieber an unseren Gewohnheiten festhalten als an Überlegungen, unseren Planeten zu entlasten, solange wir nicht bereit sind, Ressourcen so zu nutzen, dass sie möglichst vielen und nicht nur uns selbst nützen, solange es Politiker in unseren Bundestag oder auch in jegliche Regierung der Welt schaffen, die ein Leben mit einer Masse an Leben anderer zu vergleichen versuchen, solange wir anhaltend gegeneinander arbeiten, anstatt uns als Gemeinschaft zu verstehen, genau so lange werden wir weiterhin an unserer eigenen Vernichtung arbeiten.

Darum: Danke an all diejenigen, die ermutigend sind und konstruktiv. Diejenigen, die mit gutem Beispiel voran gehen, denen auch wichtig ist, was nach ihnen kommt. Die unermüdlich daran arbeiten, ein größeres Verständnis für die Zusammenhänge auf unserem schönen blauen Erdball zu wecken – im Großen wie im Kleinen. Danke an die, die laut sind und danke an alle, die jeden Tag leise für sich selbst Entscheidungen treffen um unser Selbstverständnis zu verändern:

Letzten Endes sind wir weder Deutsche noch Europäer, weder Mensch noch Tier, weder die Alten noch die Jungen. Wir sind Erdlinge. Dass wir alle zusammenhängen, dass wir Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, jedes kleinste Molekül teilen, ist nicht abstreitbar. Dass wir vom Erhalt unserer Erde abhängig sind, ist nicht abstreitbar. Dass wir uns dafür anpassen müssen, ist nicht abstreitbar. Survival of the fittest – wer sich anpasst, überlebt. Und wir Erdlinge müssen endlich anfangen, uns an unsere Erde anzupassen. Und nicht andersherum.

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17.5.2021

Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch
Warum ich vorsichtig optimistisch bin


Am 17. Mai 1990 beschloss die Weltgesundheitsorganisation, Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten zu streichen. Das ist 31 Jahre her. Krass. Nur 31 Jahre. Das scheint so wenig und wirkt darum ganz schön erschreckend.

Wie viele solcher Daten es tun.
Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die unter anderem allen Menschen – unabhängig von Rasse, Alter, Geschlecht, Herkunft etc. – gleiche Rechte zuspricht, wurde erst 1948 beschlossen. Vor etwas mehr als zwei Generationen.
Das Datum, wann homo- oder bisexuelle Männer uneingeschränkt Blut spenden dürfen liegt beispielsweise sogar noch in der Zukunft! Welche Generation wird sich darum kümmern?

Das Wahlrecht für Frauen scheint dagegen schon fast uralt und dessen Einführung in längst vergangenen Zeiten zu liegen. Dennoch ist es gerade etwas mehr als 100 Jahre her und demnach nicht mehr als drei Generationen entfernt, dass Frauen keine politische Stimme in Deutschland hatten. Mit Blick auf unsere Bundeskanzlerin scheint das beinahe vergessen.
Dennoch fällt es mir schwer zu entscheiden, ob eine Zeitspanne von drei Generationen motivierend oder demotivierend ist für die Entwicklung von der Stimmlosigkeit zum politisch mächtigsten Amt. Immerhin müsste doch mit der Entscheidung, dass Frauen wählen können, gleichzeitig ganz logisch einher gehen, dass sie auch gewählt werden können, oder? Demnach könnte man sich also genau so gut fragen: Warum hat es so lange gedauert, bis eine Frau dieses Amt bekleidet?

Fakt ist also: nur weil per Gesetz etwas möglich ist, ist es noch lange nicht gesellschaftlich akzeptiert und es braucht Zeit, bis die gesellschaftlichen Auswirkungen einer politischen Entscheidung sich tatsächlich in unsere Gesellschaft integrieren. Aber wie viel Zeit?

Die Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe wurde in Deutschland 2017 beschlossen – gerade einmal vier Jahre her! Vom Status einer psychischen Erkrankung bis zur Möglichkeit der rechtlich legitimierten Eheschließung: 27 Jahre. Gerade mal eine Generation Entwicklungsphase.

Wir scheinen uns also schneller zu öffnen. Und das unterstelle ich uns als Gesellschaft – wenngleich es nicht mehr als eine subjektive Betrachtung ist – trotzdem gern.

Die aktuelle Jugend fühlt sich wie eine der ersten Generationen an, in denen es eher irrelevant als relevant ist, welchem Geschlecht man angehört und wen man liebt. Die erste Generation, in der es vollkommen selbstverständlich ist, heterosexuelle Mitschüler zu haben oder sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig zu fühlen. Und auch wenn dieser Weg natürlich deutlich länger gedauert hat als 27 Jahre – genau genommen nämlich die ganze Menschheitsgeschichte – ist es ein Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft menschlicher wird. Und für dieses Ziel scheint mir kein Weg zu lang um nicht jederzeit den ersten Schritt zu tun.

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8.3.2021

Girls Girls Girls
Von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit


Weltfrauentag. Ja, finde ich schon ne gute Idee, Frauen einfach mal zu feiern. Sind doch klasse Geschöpfe – ich weiß das sehr gut, denn ich bin auch eine.
Gleichzeitig ist dieser schöne Tag einer der Tage, an dem vielerorts der Ruf nach Gleichberechtigung laut wird.

Hört sich auch erstmal ganz gut an. Aber da zwickt in mir immer so ein kleines feines Schmerzlein auf. Irgendwie drückt mir der Begriff wie ein zu knapper Schuh.

Es gibt da dieses Bild der drei Kisten, das ich mir mal schnell als Erklärung heranziehe, bevor hier jemand denkt, ich hätte was gegen Gleichberechtigung:
Drei Kinder stehen vor einem Zaun und wollen hinüber schauen. Zur Hilfe haben sie 3 Kisten um sich drauf zu stellen.
Bild Eins mit dem Titel »Gleichberechtigung« zeigt jedes Kind auf 1 Kiste stehend. Das kleinste Kind kann immer noch nicht über den Zaun sehen. Das mittlere nur mit großer Mühe. Das größte Kind hat keine Probleme. Tja – aber immerhin haben ja alle das gleiche bekommen – jeder eine Kiste. Ist doch fair.
Bild Zwei ist mit »Gerechtigkeit« unterschrieben. Das kleinste Kind hat 2 Kisten, das mittlere 1 und das größte gar keine Kiste. Das Ergebnis: Mit der gleichen Ressource können alle drei Kinder nun über den Zaun sehen.

Und da ist sie meiner Ansicht nach: Die Essenz jeder Gleichberechtigungsdebatte. Der Begriff der Gleichberechtigung ist immer vergleichend. Es schwingt immer ein »genau so wie« mit. Und wenn ein »genau so wie« mitschwingt, entsteht eben ein Vergleich. Das Problem: Vergleiche führen unweigerlich zu Konkurrenz – auch wenn es darum gar nicht geht.

Der Geschlechterkampf ist hier das beste Beispiel. Ohne es jemals gewollt zu haben, fühlt Mann sich von der Forderung nach Gleichberechtigung der Frau seit jeher – seit Jahren und Generationen – angegriffen. Bedeutet es doch die Aussicht darauf, selbst an Relevanz zu verlieren oder vielleicht auch einfach, sich damit beschäftigen zu müssen, dass man selbst vom bisherigen System profitiert hat.
Und solange diese Aussicht besteht, wird das fettig schlierige Hausfrauenbild als verzweifelter Anker in vielen Köpfen fest kleben bleiben. Und so lange das so ist, hilft auch keine Frauenquote in Vorständen.

Dabei geht es doch nicht darum, sich irgendwo in der Mitte zu treffen, so dass bald keiner mehr übern Zaun gucken kann. Die Frage sollte doch sein, was wir gewinnen können, wenn alle drüber gucken und wie wir das erreichen.

Darum spreche ich lieber von Gerechtigkeit. Ich persönlich möchte eben nicht »als Frau gleichberechtigt« behandelt werden. Ich möchte »als Mensch gerecht« behandelt werden. Der Ausblick ist einfach ein anderer. Es ist ein Blick, der aufs Ziel gerichtet ist und nicht auf den Status Quo.

Also: Ja, ich bin für Gleichberechtigung. Aber eben nicht auf Grundlage von Vergleichen, nicht im Sinne von »die gleichen Rechte wie«. Sondern im Sinne von gleiches Recht für alle – und da sind dann nicht Frauen gemeint, sondern eben auch Männer, genauso wie Trans- oder binäre oder queere oder solche vom anderen Ende der Welt, mit heller, dunkler, rosafarbener oder angemalter Haut. Eben für alle ... wie war es noch das Wort, das ich suchte? Ach ja: Menschen.

Vielleicht ist es nicht so leicht, dieses große Ziel zu definieren – so ganz ohne zu vergleichen. Aber die Arbeit sollte es allemal wert sein. Denn wenn wir ganz neu überlegen würden, was für eine Welt wir uns da vorstellen, können wir viel mehr Menschen in diese Überlegungen einbinden. Und müssen gar keine daraus ausschließen. Verlieren kann dabei also niemand. Und dagegen ist ja wohl gar nichts einzuwenden.

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15.2.2021

Wählscheibe und Glasfaser
Wenn die SMS tot ist und W-Lan ein Grundrecht


Nichts ist mehr, wie es mal war. Was Kommunikation angeht, gilt das für meine Generation wohl mehr denn je – vor allem öfter denn je. Es sind ein paar ganz besondere Jahrzehnte vergangen, was den technologischen Fortschritt der Kommunikation angeht. Ein Fortschritt, der mensch-gemacht ist und trotzdem irgendwie schneller vorangeht als wir selbst.

Ich selbst habe vielstellige Telefonnummern auf der Wählscheibe gedreht und inzwischen nicht einmal mehr ein Telefon am Festnetzanschluss. Ich habe Mobiltelefone mit mir herumgetragen und eine eigene Tasche dafür benötigt – man hätte locker einen Unterarm damit schienen können und die Teile konnten nichts. Außer telefonieren und SMS (Anmerkung für jüngere oder sehr viel ältere Generationen: SMS bedeutet Short Message Service – ein nahezu ausgestorbenes Textnachrichtenformat, das zeichenbegrenzt und kostspielig war). Jetzt trage ich mein halbes Informationsleben mobil in der Hosentasche mit mir herum.
Ich habe meine Facharbeit auf einer Diskette mit 100 KB Speicherkapazität gespeichert und persönlich übergeben und sende jetzt Gigabyte-Datenmengen per Glasfaser um den ganzen Globus.
Ich habe mich langwierig mit ohrenbetäubenden, qualvoll quietschenden Geräuschen in »dieses Internet« eingewählt und so stundenlang die Festnetzleitung blockiert – die Kosten waren horrend. Heute mache auch ich tagtäglich von meinem Grundrecht auf Internetanschluss gebrauch.

Und während ich mich ärgere, dass mein Technologie-Heimatland die Verfügbarkeit von W-Lan weniger zukunftsfähig organisiert bekommt als die meisten Urlaubsländer meiner Wahl, wundert sich meine Mutter darüber, dass sie ihre eMails auch bei mir zu Hause abrufen kann. Und während »die Jugend heutzutage« wie selbstverständlich mit 24/7-Erreichbarkeit aufwächst, wundere ich mich darüber, dass eine digitale Nachricht scheinbar die gleiche Antwortgeschwindigkeit aufweisen soll wie ein Eins-zu-Eins-Gespräch.

So verbessert sich augenscheinlich die Technologie der Kommunikation und vergrößert sich scheinbar der Graben der intergenerationellen Kommunikation.

Daher mein Aufruf an aktuelle und folgende Digital Natives: Schaut zurück. Habt Geduld. Hängt eure Vorfahren nicht ab. Das klingt anstrengend, kann aber auch zuweilen wunderschön sein. Und hat lange Tradition. Auch wir haben einst den Videorecorder für Opa angeschlossen und eine neue Papierrolle ins Faxgerät von Tante Ida eingespannt. Und inzwischen kann Tante Ida sogar ihren eigenen Sticker bei Whatsapp erstellen.

Ja, Whatsapp ist für euch schon wieder out. So wie einst Studi-VZ für Facebook-User. Aber während ihr »Signal« auf dem Smartphone eurer Oma installiert und ihr die Wichtigkeit von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung erklärt, erzählt sie euch vielleicht, wie sie damals bei der Einführung des Telefonbuches für den Schutz ihrer persönlichen Daten demonstriert hat und so entsteht eine ganz gewöhnliche Eins-zu-Eins-Kommunikation, bei der ihr irgendwie Gemeinsamkeiten erkennt. Denn letztlich kommt ja alles wieder – wenn auch manchmal in neuem Gewand. Und das schweißt zusammen.

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2.2.2021

m / w / d – am Arsch!
Warum können wir nicht einfach Menschen einstellen?


»D – wieso d«, fragt der oder die Geschäftsführer:in den oder die Personalbeauftragte:n, »was soll denn das heißen?« Und geduldig und sachlich erklärt der oder die Personalbeauftragte die Bedeutung des dritten Buchstabens und warum er nötig ist.

Eine Notwendigkeit, die es aus meiner Sicht gar nicht geben sollte. Und rein rechtlich auch nicht gibt. Niemand schreibt den Zusatz (m/w/d) vor. Auch nicht den Zusatz (m/w). Diese Formulierungen haben sich zu einer Konvention entwickelt und es mag anstoßen wenn ich das jetzt sage, aber: Ich teile die Verwirrung des oder der Geschäftsführers:in.

Nicht, weil ich nicht weiß, was das »d« bedeutet, sondern weil ich der oder dem Personalbeauftragten nicht zustimmen kann, wenn er bei der Stellenausschreibung einen Haken an das Antidiskriminierungsgesetz macht, weil er diese Konvention der Formulierung eingehalten hat.

Auf den Punkt: Warum zum Teufel brauche ich denn bitte überhaupt so eine Formulierung? Warum zum Teufel kann es nicht einfach selbstverständlich sein, dass für die entsprechende Position ein Mensch gesucht wird? Dass wir immer noch nicht dort angekommen sind, macht mich betroffen.

An alle Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen, Antidiskriminierungs-Beauftragte und Diskriminierende: ich werde im folgenden nur noch eine Geschlechterform nennen und ich werde einfach wild variieren – nicht, um die anderen Formen zu diskriminieren, sondern weil es vollkommen egal sein sollte.
Es sollte selbstverständlich sein, dass einer Arbeitgeberin egal ist, wie ihre Arbeitnehmer sexuell orientiert sind. Es sollte selbstverständlich sein, dass kein Unternehmer ihre ansonsten schmalen bis nicht vorhandenen Antidiskriminierungs-Bemühungen im eigenen Unternehmen grünwaschen kann, indem es ja wenigstens einer Formulierungskonvention in dessen Stellenausschreibungen folgt. Es sollte selbstverständlich sein, dass geschlechtliche Rollenbilder in einer diversen Gesellschaft maximal beispielhaft als Stereotypen für die Forschung gelten können, aber in keinster Weise bei der Beurteilung von Profession und Eignung einer Person helfen.

Es sollte selbstverständlich sein, dass es Individuen gibt, dessen Ideen, Neigungen, Selbst- und Fremdbilder über die eigene Vorstellungskraft hinaus gehen und dass das verdammt noch mal gut ist!

Es sollte selbstverständlich sein, dass eine Ansprache an Personen mit bestimmten Fähigkeiten all diejenigen anspricht, die die Fähigkeiten (erworben) haben – ganz unabhängig davon, welcher geschlechtlichen, minderheitlichen, mehrheitlichen, großen, kleinen, beachteten oder unbeachteten Gruppe diese sonst noch angehören oder eben nicht.

Wenn schon müsste es also heißen:
»Suche Mitarbeitende (Person)« oder »Suche Mitarbeitende (Mensch)«.
»Ja was denn sonst?«, würde sich der Leser dann fragen. Und dabei gar keinen bestimmten Menschen im Kopf haben – sondern alle.

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27.1.2021

Die EU hat uns den Heiermann geklaut.
Oder warum es vielleicht doch nicht nur um Geld geht


Sehen wir der Wahrheit ins Auge: ein 2€-Stück gibt einfach nicht das gleiche Gefühl in der Magengegend wie der gute alte Heiermann. Das waren noch Zeiten. Ich sage es jetzt direkt mal zum ersten und – ich schwöre – zum letzten Mal in diesem Blog, aber für dieses Phänomen gilt es: Früher war alles besser. Dieser Augenblick, wenn man das große glänzende Geldstück entgegen nahm und man sich fühlte, als könne man die Welt erobern, dieser Augenblick ist der Generation Y vorbehalten. Für die Generation Z wird es den niemals geben, denn die EU hat uns den Heiermann geklaut – der Euro hat einen ähnlichen Helden in Geldstück-Form einfach nicht zu bieten.

Jetzt könnte man denken, dass besonders die Generation Y reichlich Ressentiments gegen die neue Währung hegt – und doch ist sie es nicht, die noch immer bei jedem Einkauf die Ausgaben in DM umrechnet.

Vielleicht dreht sich ja tatsächlich nicht immer alles nur um Geld. Großbritannien hat seine Währung behalten. Ob es dort etwas analoges zum Heiermann gibt? Die 2-Pfund-Münze? Wenn ja, dann war dieser britische Heiermann nie in Gefahr. Und doch kam der Brexit. Knapp über die Hälfte der Briten stimmte dafür. Darunter – so heißt es – wenig junge Leute. Viele halten den Brexit für eine Frage des Alters, gar einen Kampf der Generationen.
Grob zusammengefasst heißt es, die Alten stimmten für den Brexit, die Jungen dagegen. Generation gegen Generation. Von gestohlener Zukunft ist sogar die Rede. Eine schwierige Diskussion. Mindestens genau so spaltend wie der Brexit selbst – wenn nicht sogar noch mehr. Man wünscht sich, es sei so einfach: Die Alten machen ein paar Heiermänner locker und die Versöhnung mit den Jungen ist geglückt. Aber so wird es wohl nicht kommen. Hier reicht ein Geldstück sicher nicht als Mediator.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Kommunikation zwischen den Generationen in diesem Fall nicht abbricht. Oder sich in Schuldzuweisungen verliert. Was auch immer zu meistern sein wird – sei es ein Großbritannien außerhalb der EU oder die Erkenntnis einer schlechten Entscheidung – kann nicht nur mit den Jungen oder nur mit den Alten gemeistert werden. Die Parteien, die gegensätzlich gestimmt haben, müssen sich nun zusammenschließen.

Dabei hilft vielleicht der Gedanke daran, warum die EU ursprünglich gegründet wurde. Nämlich als Wertegemeinschaft. Zur Sicherung gemeinsamer Werte, zur Sicherung des Friedens, der Freiheit, des Miteinanders. Dass dabei auch Verantwortung füreinander übernommen werden muss, nimmt der Vision jede Leichtigkeit. Gehört aber dazu. Wie in jeder guten Gemeinschaft. Daumen sind gedrückt.

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20.1.2021

Die Mitte
Warum sie unsichtbar ist und stärker als gedacht


Die Mitte ist erklärungsbedürftig. Denn in der Mitte herrscht das Chaos. Ich mag die Mitte.

Um mal ein Bild zu schaffen: Die Mitte ist die – in meiner Generation allseits bekannte – Kram-Schublade. In der Kram-Schublade landet so allerlei – allerlei, das gerade nicht so richtig gebraucht wird und deshalb keinen Platz hat, das aber wert ist, aufgehoben zu werden bis genau die Situation kommt, in der es Leben rettet.

Sich in der Kram-Schublade zurechtzufinden ist schwierig. Darum schaut man da erstmal nicht rein. Die Kram-Schublade ist unsichtbar. In der Besteck-Schublade ist alles fein geordnet. Messer, Gabel, Löffel können gegriffen werden, ohne hinsehen zu müssen. Es ist keine Überlegung nötig. Dabei ist egal, ob sich die Besteck-Schublade links oder rechts der Kram-Schublade befindet – oder darüber oder darunter. Klar ist: obwohl es ziemlich viele spitze Gegenstände gibt, ist das Zurechtfinden leicht.

Ich esse kein Fleisch. Das stößt bei verschiedenen Schubladen an. Ich verstehe nicht genau wieso, aber viele Menschen fragen mich, warum ich kein Fleisch esse. Ich habe viele Gründe und soll mich dann erklären (ich schreib vielleicht noch mal im Detail drüber).
Aber jetzt mache ich erst einmal die Schubladen auf:
Die Fleischesser verstehen die Tatsache meines Entsagens meist als Anfeindung. Warum isst du Fleisch, könnte ich gegenfragen, aber die Frage wird dann als genau so feindselig verstanden.
Diejenigen, die bewusst auf jegliche tierische Produkte verzichten, fragen mich, warum ich denn dann Milch und Käse konsumiere. Diese Schublade fühlt sich dadurch angegriffen, dass ich nicht konsequent bin.

Fakt ist: Ich habe keiner Schublade gegenüber Ressentiments. Ich habe mich nur für mich selbst für keine der Schubladen entschieden. Und selbst wenn ich mich bewusst gegen eine entscheide, entscheide ich mich damit nicht automatisch für die andere. Und das ist das Problem. Zumindest für die, die in den Schubladen wohnen. Vor allem aber für die, die sich dabei erwischen, dass sie eine der Schubladen nicht bewusst gewählt haben, sondern einfach darin wohnen weil das einfacher ist. Weil man sich dort besser zurecht findet. Oder weil dort viele weitere wohnen, die sich mit spitzen Gegenständen auskennen.

Der ein oder andere Leser wird erkennen, dass es hier eigentlich nicht um Fleischkonsum oder Besteckgarnituren geht. Sondern um Meinungen. Und darum, diese selbst zu bilden und dann auch zu vertreten. Auch wenn das sicher undurchsichtiger ist, als sich anderen anzuschließen. Es geht hier um Extremismus – auch wenn das Wort bis hierher nicht einmal gefallen ist – und um Haltung.

Ich wohne und lebe in der Kram-Schublade. Und das aus voller Überzeugung. Ich bin in vielen Dingen »die Mitte«. Und entgegen der landläufigen Meinung bedeutet das nicht, daß ich keine Meinung habe. Sondern meine eigene. Und für all die geordneten Besteck-Schubladen-Verfechter halte ich es hier mit Žarko Petan: Mit leerem Kopf nickt es sich leichter. Ich denke aber eben gern nach, bevor ich nicke. Und schüttel dann hin und wieder doch lieber den Kopf. Das kann anstrengend sein, aber vielleicht wird es eines Tages Leben retten.

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